NS-Verfolgung

Lesben als NS-Opfer

Als entscheidend für die Lebensbedingungen
der lesbischen Frauen sollte sich ihr Status
als Frau und die NS-Frauenpolitik erweisen.
Claudia Schoppmann

Der nationalsozialistische Staat lehnte Homosexualität prinzipiell ab, da sie der geforderten Produktion „erbgesunder Arier“ zu wider lief. Die Steigerung der Geburtenrate als erklärtes Ziel einer rigiden Sexualmoral und Gesellschaftspolitik ließ keine selbstbestimmte Sexualität und Homosexualität erst recht nicht zu. So gehörte die Zerstörung der lesbischen-schwulen Infrastruktur nach 1933 zu den wichtigsten Maßnahmen der Nationalsozialisten. Das von Magnus Hirschfeld 1919 gegründete Institut für Sexualwissenschaft und andere Organisationen wurden aufgelöst, Bücher verboten und verbrannt, Razzien veranstaltet, Lokale geschlossen, ein Klima der Angst führte verstärkt zum Rückzug ins Private oder in Scheinehen. Allerdings ging der NS-Staat gegen Lesben und Schwule in unterschiedlicher Weise vor: Während schwule Männer durch den im Juni 1935 verschärften Paragrafen 175 der Strafverfolgung ausgesetzt waren, kann vor einer systematischen Verfolgung lesbischer Frauen nicht gesprochen werden.
Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Zum einen waren Frauen generell von den Machtpositionen des geschlechterhierarchischen NS-Männerstaates ausgeschlossen und standen somit nicht in der Öffentlichkeit. Was sie und mit wem sie es taten, blieb im Verborgenen und konnte niemandem „verführendes“ Beispiel sein. Zum anderen wurde weibliche Sexualität einzig vom Mann her definiert und gedacht, die Passivität zum weiblichen Geschlechtscharakter erklärt. Zu dieser Vorstellung gehörte, dass Liebkosungen unter Frauen akzeptabel waren, wenn ihre Männer im Krieg kämpften. Lesbische Betätigung sei allgemein in „Dirnenkreisen“ üblich, so eine weit verbreitete Meinung. Derartiges pseudohomosexuelles Verhalten wäre „kurierbar“. Die emotionaleren Umgangsformen zwischen Frauen erschwerten zudem die Grenzziehung zwischen erlaubtem und verbotenem Verhalten. Schließlich galt die Mutterschaft als "Bestimmung der Frau" wenn sie an Ehelosigkeit litt, dann nicht am fehlenden Geschlechtsverkehr, sondern an der Nichterfüllung dieser Bestimmung. Das Verbot und die Selbstauflösung der verschiedenen Gruppen und Vereine der Frauenbewegung und die Propaganda der NS-Frauenorganisationen taten ihr übriges. Fazit: Weibliche Homosexualität wurde im Gegensatz zur männlichen als sozial ungefährlich eingestuft und stellte in der NS-Lesart keine ernstzunehmende Bedrohung für die Bevölkerungspolitik dar.
Gleichwohl wurden Frauen wegen ihres Lesbischseins denunziert, gleichwohl waren Lesben in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern inhaftiert, wenn auch nicht wegen ihres Lesbischseins. Dass wir heute überhaupt etwas darüber wissen, ist vor allem der Historikerin Claudia Schoppmann zu verdanken, die mit ihrer Dissertation „Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität“ 1991 eine erste Aufarbeitung des Themas veröffentlichte. So sahen sich viele Lesben zum Beispiel gezwungen, angesichts der öffentlichen Verteufelung von „Vermännlichung“ ihr Aussehen und ihre Kleidung dem traditionellen Frauenbild anzupassen. Inwieweit Lesben allerdings von der „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ oder anderen Behörden erfasst wurden, ist unbekannt vor allem weil die Akten dieser „Reichszentrale“ nicht mehr auffindbar sind.
Die Kennzeichnung homosexueller KZ-Häftlinge mit dem Rosa Winkel blieb auf schwule Männer beschränkt, eine Häftlingskategorie für lesbische Frauen gab es nicht. Zudem hat die SS gegen Kriegsende viele KZ-Dokumente vernichtet, was bis heute die Rekonstruktion von „Lagerlisten“ erschwert. Entsprechend schwierig ist die Suche nach lesbischen NS-Opfern. In den wenigen Fällen, in denen Frauen wegen ihres Lesbischseins verfolgt und im KZ inhaftiert waren, wurden in der Regel andere Gründe vorgeschoben. So wurden lesbische Frauen wegen angeblicher Verführung Minderjähriger oder wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet, als „Asoziale“, „Kriminelle“ oder „Politische“ gebrandmarkt und ins KZ gesteckt. Sie mussten im Lagerbordell Dienst tun, das nicht nur der Leistungssteigerung der Häftlingsarbeiter dienen sollte, sondern ebenso als Mittel der „Umerziehung“ schwuler Männer gedacht war.

Das KZ Ravensbrück


Gedenkstätte Ravensbrück

Ab November 1938 ließ die SS in dem kleinen Ort Ravensbrück in der Nähe der Stadt Fürstenberg an der Havel ein KZ errichten, das als so genanntes Schutzhaftlager für Frauen bestimmt war. Die ersten Häftlinge waren im Mai 1939 deutsche Frauen. Mit Kriegsbeginn kamen sie zunehmend aus den von deutschen Truppen besetzten Ländern, zunächst hauptsächlich aus Polen, ab 1942 auch aus den westeuropäischen Staaten. Das größte Frauen-KZ des nationalsozialistischen Deutschlands zählte bis Ende April 1945 etwa 132.000 Häftlinge, darunter wenige Tausend Kinder, die hierher deportiert oder hier geboren wurden. Zu einem guten Drittel kamen die Frauen aus Polen, zu gut 20 Prozent aus den Ländern der früheren Sowjetunion und zu knapp 20 Prozent aus Deutschland und Österreich. 1941 wurde auf dem durch Landankäufe stetig wachsenden KZ-Gelände ein Männerlager errichtet, in dem bis April 1945 über 20.000 Männer inhaftiert waren. Dem Frauen-KZ war außerdem das nahe Jugend-KZ Uckermark unterstellt, in dem rund 1.000 Mädchen und junge Frauen, die in der NS-Gesellschaft als „asozial“ kriminalisiert wurden, menschenunwürdig untergebracht waren. Seit mehreren Jahren bemüht sich ein FrauenLesbenTransgenderWorkcamp das Gelände des ehemaligen Mädchen-KZ für die Öffentlichkeit als Ort des NS-Terrors sichtbar zu machen. Im August 2005 beteiligten sich elf Frauen an dem Camp, erneuerten unter anderem die Informationsschilder am Rundgang und verbesserten die Kenntlichmachung der Umzäunung des ehemaligen Lagers.

Erinnerung auf dem Gelände des ehemaligen Mädchen-KZ
Erinnerung auf dem Gelände des ehemaligen Mädchen-KZ

Jahrestag der Befreiung
Jahrestag der Befreiung

 

Weiterführende Links und Literatur

Links

www.ravensbrueck.de

www.gedenkstaettenforum.de

Literatur

  • Claus Füllberg-Stolberg, Martina Jung et.al.: Frauen in Konzentrationslagern - Bergen-Belsen, Ravensbrück. Bremen 1994 (Edition Temmen)
  • Claudia Schoppmann: Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität. 2. Auflg., Pfaffenweiler 1997.
  • Dies.: Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“. 2. Auflag., Frankfurt/Main 1998.
  • Dies.: Verbotene Verhältnisse. Frauenliebe 1939-1945. Berlin 1999 (Quer Verlag, über die Situation in Österreich).

Lebenssituation von Lesben in der Zeit des Nationalsozialismus

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